Ratschläge sind auch Schläge? – Warum gut gemeinte Ratschläge oft das Gegenteil bewirken

Kennst Du vielleicht den berühmten Spruch „Ratschläge sind auch Schläge“? Damit ist gemeint, dass ungebetene Ratschläge oft weh tun, weil der Betroffene insgeheim eh schon weiß, welche „Fehler“ er gemacht hat bzw. welche Schwierigkeiten er oder sie mit gewissen Dingen hat. Außerdem nützen sie meist gar nichts, weil wir alle verschieden geprägt sind. Was für den einen ganz einfach ist – „Ich verstehe nicht, wieso Du Dich so anstellst…“ – ist eben für einen anderen schwierig.

Zum Beispiel: Was für den am Meer großgewordenen Schwimmer ein Klacks ist – „Ich versteh nicht, was Ihr habt, das ist doch kein Wellengang.“ – ist für den im Flachland großgewordenen, erst im Schulschwimmkurs so leidlich schwimmen gelernt habenden Wanderurlauber eben eine große Herausforderung. Und die Gletscherspalte zu überschreiten ist für den erwachsenen Papa ein Klacks, für die 10-jährige Tochter aber angsteinflößend, und der Satz „Stell Dich nicht so an!“ in dem Moment einfach nur schmerzhaft und die Situation verschlimmernd. Denn zur Angst vor der Gletscherspalte kommt dann noch Abwertung und das Gefühl, allein, einsam, dumm und unfähig zu sein. Auf körperlicher Ebene kann dadurch auch die Ausschüttung von Cortisol, unserem Stresshormon, steigen, so dass die lähmende Angst sich verstärkt und die Herausforderung noch größer wird.

Diese „Ratschläge“ sind Teil eines als direktiv bzw. autoritär bezeichneten Gesprächsverhaltens und sind vor allem dann, wenn es jemandem bereits eh schon nicht gut geht oder dieser sich einer herausfordernden Situation gegenübersieht, absolut nicht hilfreich.

Die fünf Formen autoritären Gesprächsverhaltens

Folgende Verhaltensweisen zählen zum autoritären Gesprächsverhalten und verhindern im Normalfall konstruktive und vertrauensvolle Kommunikation. Auch wenn der Sprechende sich dabei selbst oft recht gut vorkommt und kaum merkt, dass er oder sie „von oben herab“ redet, manchmal geradezu verachtend oder „oberschlau“. Es handelt sich um fünf Verhaltensweisen, die häufig auch als „typische Zuhörfehler“ zu beobachten sind – also ernstgemeinte „Don’ts“:

  • Bagatellisieren
  • Dirigieren
  • Diagnostizieren
  • Identifizieren
  • Moralisieren

Das klingt alles sehr hochtrabend, keine Sorge – ich gebe gleich ein Beispiel.

Die fünf direktiven Reaktionsweisen – verdeutlicht am Beispiel von Liebeskummer

  • Bagatellisieren: Kleinreden à la „Ach, ist doch nicht so tragisch, andere Mütter haben auch schöne Töchter.“ Hier fühlt man sich nicht ernstgenommen!
  • Dirigieren: „So, Du sitzt jetzt nicht hier rum und heulst, sondern rufst einen Freund an, Ihr geht raus und Du lernst einfach jemand Neues kennen! Hopp!“
  • Diagnostizieren: „Es war halt schon auch eine schwierige Beziehung, die Ihr da geführt habt, geradezu toxisch. Mich hat es eh gewundert, dass das so lange gehalten hat…“
  • Identifizieren: Das Thema an sich reißen und auf sich selbst lenken: „Ach, bei mir war das auch schrecklich, als ich damals verlassen wurde…“
  • Moralisieren: „Ja, da brauchst Du Dich aber wirklich nicht wundern! Du hast da auch einiges falsch gemacht, logisch, dass sie Dich da verlässt…“

Alle fünf Verhaltensweisen kommen häufig vor, vor allem in Konflikten. Und sie machen die Sache im Normalfall nur schlimmer. Ja, vielleicht gibt das Gegenüber kurz klein bei, tut, was geraten wurde und die autoritär sprechende Person fühlt sich womöglich kompetent und fähig – aber – auf Dauer hat das einen Preis : Es schadet der Beziehung. Das Gegenüber wird „klein gehalten“ und kommt eher nicht in eine gesunde Eigenverantwortung mit gesundem Selbstwert. Das sollte uns bewusst sein, wenn wir wieder einmal selbst autoritäres Sprechverhalten an den Tag legen. Auch wenn die Beweggründe sehr wohlmeinend sein mögen.

Das Entscheidende: Diese Verhaltensweisen gießen Öl ins Feuer! Der emotionale Zustand des Gegenübers verschlimmert sich im Normalfall. Entweder wir ernten Widerrede und Empörung oder Entmutigung und Verzweiflung.

Eine wichtige Ausnahme

Eine große Ausnahme gibt es: Es kann manchmal angezeigt sein, bei höchst emotionalen Personen ein sehr klares und deutliches „STOP“ in den Raum zu stellen. Um eine eindeutige Unterbrechung zu bewirken. Dieses sollte aber im besten Fall mit einer Haltung von Wertschätzung und Respekt verbunden sein und nicht mit aggressiver Ablehnung dem anderen gegenüber.

Diese Ausnahme gibt es. Aber sie kommt meiner Erfahrung nach sehr selten, eben nur in echten Ausnahmefällen zum Einsatz. Und sie ist etwas anderes als die fünf direktiven Verhaltensweisen, die wir im Konfliktfall, aber am besten auch generell, tunlichst vermeiden sollten. Zumindest wenn uns Augenhöhe und gelingendes Miteinander am Herzen liegen.

Was kann ich tun, um selbst im Gespräch möglichst nicht autoritär zu sein?

Natürlich passieren uns derartige Verhaltensweisen immer wieder. Es bedarf etwas Übung, sie bei sich selbst zu bemerken. Hier hilft vor allem, die Reaktion des Gegenübers zu beobachten. Immer dann, wenn unser Beitrag Widerstand oder Ungeduld hervorruft oder ein schlechtes Gewissen, Angst oder Scham auslöst, dürfen wir reflektieren, ob wir womöglich gerade direktiv und „von oben herunter“ unterwegs waren.

Als hilfreiche Faustregel können wir uns auch fragen: Wenn ich ehrlich zu mir bin, wie würde ich selbst gerne behandelt werden? Mit schlauen Ratschlägen und Vorwürfen? Oder mit Verständnis, echtem Zuhören und Ernstgenommenwerden?

Außerdem hilft es, sich immer wieder ins Gedächtnis zu rufen, dass andere Menschen anders geprägt sind als wir selbst. Und dass ihnen deshalb das, was uns jetzt helfen würde, noch lange nicht hilft.

Vorschläge statt Ratschläge

Was wir machen können, wenn wir glauben, einen guten und passenden Vorschlag zu haben, ist, diesen „behutsam aufs Tablett zu bringen“. Entweder, indem wir zunächst fragen, ob der andere ihn überhaupt hören will, indem wir beispielsweise sagen:

„Du, ich hätte da einen Vorschlag. Magst Du ihn hören?“

…und es dann absolut dem anderen überlassen, ob er oder sie ihn annehmen möchte. Oder indem wir sagen:

„Ich hätte da folgenden Vorschlag. Schau mal, ob er Dir weiterhilft. Falls nicht, vergiss ihn gleich wieder!“

Wichtig ist auch hier wieder eine möglichst offene und zugewandte Haltung.

Vielleicht hilft Dir beim nächsten Gespräch eine einzige Frage :

Welche Motivation liegt meinem Sprechen gerade zugrunde? Möchte ich Recht haben, nur “meins loswerden” oder schnell eine Lösung präsentieren? Oder geht es mir in diesem Moment wirklich darum, mein Gegenüber zu verstehen?

Weitere Beiträge

Ratschläge sind auch Schläge? – Warum gut gemeinte Ratschläge oft das Gegenteil bewirken

Wer kennt sie nicht – die gut gemeinten Ratschläge. Und wer hat sie nicht selbst schon gegeben? Doch warum bewirken sie so oft genau das Gegenteil von dem, was wir eigentlich erreichen möchten? Weshalb fühlen wir uns durch manche Aussagen nicht verstanden, sondern klein gemacht? Und wie können wir stattdessen so miteinander sprechen, dass Beziehung, Vertrauen und echte Verständigung wachsen? Ein Blogbeitrag über autoritäres Gesprächsverhalten, Augenhöhe – und die Kunst, Vorschläge behutsam aufs Tablett zu bringen.